Sichere digitale Medizin: Neue Professur stärkt Forschung zur IT-Sicherheit in der Patientenversorgung

Wie bleibt die medizinische Versorgung bei Cyberangriffen oder IT-Ausfällen handlungsfähig? Diese Frage steht im Mittelpunkt der Forschung von Prof. Dr. Emilia Graß.

Seit dem 1. Oktober 2026 hat sie die neue W3-Professur für IT-Sicherheitskonzepte in der Medizin an der Medizinischen Fakultät der Universität Augsburg inne. Ihre Forschung verbindet IT-Sicherheit mit klinischen Abläufen und soll künftig auch auf Routinedaten des Universitätsklinikums Augsburg aufbauen.

Digitale Systeme unterstützen Diagnostik, Therapie und die Organisation des Klinikalltags. Mit der zunehmenden Digitalisierung wächst jedoch auch die Abhängigkeit von einer zuverlässigen IT-Infrastruktur. Störungen, fehlende Daten oder Cyberangriffe können unmittelbar die Patientenversorgung beeinträchtigen. Prof. Dr. Emilia Graß untersucht, wie Krankenhäuser und medizinische Versorgungsnetzwerke auch unter solchen Bedingungen handlungsfähig bleiben können.

Mit ihrer Berufung verstärkt sie den Forschungsschwerpunkt Medical Information Sciences (MIS) der Medizinischen Fakultät der Universität Augsburg. Für das Universitätsklinikum Augsburg stehen dabei insbesondere die Sicherheit und Widerstandsfähigkeit klinischer Prozesse im Fokus – von der OP-Planung bis zur Intensiv- und Notfallversorgung.

IT-Sicherheit und klinische Abläufe gemeinsam betrachten

An der Universität Augsburg will Graß ihre Forschung eng mit dem Schwerpunkt Medical Information Sciences und dem Institut für Digitale Medizin (IDM) verbinden. Gemeinsam sollen Modelle entstehen, die Verwundbarkeiten und Abhängigkeiten klinischer IT-Landschaften erfassen. Sie sollen helfen, geeignete Sicherheitsarchitekturen und Notfallkonzepte zu entwickeln.

Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Widerstandsfähigkeit klinischer Kernprozesse. Für die OP-Planung, Intensiv- und Notfallversorgung sollen Resilienzkennzahlen entwickelt werden, die IT-Störungen und die Verfügbarkeit von Daten berücksichtigen. Darauf aufbauend sind quantitative Planungsmodelle und prototypische Entscheidungsunterstützungssysteme vorgesehen, die auf Routinedaten des Universitätsklinikums Augsburg aufbauen. Diese sollen klinische Teams bei sicherheitskritischen Planungs- und Reaktionsentscheidungen unterstützen.

Methodisch verbindet Graß mathematische Optimierung, Simulation und maschinelles Lernen. Ziel ist es, die Folgen von Störungen vorherzusagen und wirksame Schutz- und Reaktionsmaßnahmen zu entwickeln.

„IT-Sicherheit darf in der Medizin nicht isoliert betrachtet werden. Entscheidend ist für mich die Verbindung mit den tatsächlichen Abläufen in der Versorgung: Was passiert, wenn ein IT-System ausfällt, Daten nicht verfügbar sind oder manipuliert werden? Und wie können wir Kliniken so planen und organisieren, dass sie auch unter solchen Bedingungen handlungsfähig bleiben? Genau diese Fragen möchte ich mit quantitativen Methoden untersuchen und gemeinsam mit medizinischen und informatischen Partnern in konkrete Konzepte übersetzen“, erklärt Prof. Dr. Emilia Graß.

Patientenversorgung auch bei Störungen sichern

Die neue Professur ergänzt die Forschung zur digitalen Medizin in Augsburg um eine gezielte Perspektive auf IT-Sicherheit und Resilienz.

„Mit der neuen Professur für IT-Sicherheitskonzepte in der Medizin erweitern wir den Forschungsschwerpunkt Medical Information Sciences um eine wichtige Perspektive. Digitale Systeme sind heute ein zentraler Bestandteil medizinischer Versorgung. Deshalb müssen wir nicht nur ihre Möglichkeiten nutzen, sondern auch Forschung zu ihrer Sicherheit betreiben, um die Versorgung und Sicherheit von Patientinnen und Patienten bei Ausfällen, Angriffen oder anderen Störungen sicherzustellen“, sagt Prof. Dr. Martina Kadmon, Dekanin der Medizinischen Fakultät der Universität Augsburg.

Sicherheit für datengetriebene Medizin

Auch die zunehmende Nutzung von Bild-, Signal- und Sensordaten eröffnet neue Angriffs- und Ausfallpfade. Graß will deshalb untersuchen, wie sich Sicherheits- und Resilienzanforderungen in datengetriebene medizinische Abläufe integrieren lassen.

Dabei geht es unter anderem um die Frage, welche Auswirkungen Datenverlust, Datenverfälschung oder verzögert verfügbare Daten auf diagnostische und therapeutische Entscheidungen haben. Ebenso sollen robuste Backup- und Fallback-Strategien für sicherheitskritische Anwendungen entwickelt werden.

„Die Universität Augsburg bietet mit Medical Information Sciences und dem Institut für Digitale Medizin ein Umfeld, in dem IT-Sicherheit unmittelbar mit medizinischen Anwendungen und klinischen Prozessen verbunden werden kann. Ich freue mich darauf, diese Strukturen zu nutzen, neue Kooperationen aufzubauen und dazu beizutragen, dass digitale medizinische Systeme nicht nur leistungsfähig, sondern auch resilient und sicher sind“, so Graß.

Zur Person

Prof. Dr. Emilia Graß studierte Betriebswirtschaftslehre an der Freien Universität Berlin und Wirtschaftsmathematik an der Universität Hamburg. Ihre Promotion an der Technischen Universität Hamburg schloss sie 2018 ab. Dabei beschäftigte sie sich mit numerischen Lösungsverfahren für große Optimierungsprobleme im Katastrophenmanagement.

Anschließend forschte sie als Fritz-Thyssen-Stipendiatin am Imperial College London zur Cybersicherheit im Gesundheitswesen und war als Postdoktorandin an der Universität Mannheim tätig. Ab 2024 war sie Juniorprofessorin am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), wo sie die Forschungsgruppe „Operations of Critical Infrastructures in Healthcare“ leitete. 

Seit dem 1. Oktober 2026 hat sie den Lehrstuhl für IT-Sicherheitskonzepte in der Medizin an der Medizinischen Fakultät der Universität Augsburg inne.

Bild: Prof. Dr. Emilia Graß | © Universität Augsburg